Besuch von armenischen Jugendlichen

Besuch von armenischen Jugendlichen
Einblicke in unsere „Barrierefreiheits-Tour“ zu unterschiedlichen Schauplätzen
 
Von 29. Jänner bis 4. Februar durften wir sechs Jugendliche und zwei Mitarbeiterinnen der Caritas Armenien in Innsbruck begrüßen. Der Austausch zu „Inklusion von Menschen mit Behinderungen“ bot eine spannende Gelegenheit, junge Menschen aus Armenien und Österreich zusammenzubringen. Die Idee zu dieser Reise entstand, nachdem Tiroler Jugendliche im April 2019 Jugendliche und Caritas-Projekte in Armenien im Rahmen vom LaufWunder besuchten.
 
Die armenischen Jugendlichen beeindruckten bei der Caritas-Pressekonferenz zur diesjährigen Kinderkampagne mit ihrer Energie und ihren Statements für eine inklusive Gesellschaft. Darüber hinaus stellten sie ihre freiwillige Arbeit im Projekt „Inklusive Schulbildung“ der Caritas Armenien in Schulen vor und boten zudem einen Einblick in ihre Heimat und ihre Traditionen. Gemeinsam mit heimischen Jugendlichen besuchten unsere Gäste Tiroler Caritas-Projekte und beschäftigten sich intensiv mit Inklusion.
 
Gemeinsamer Stadtrundgang
Eine spannende Möglichkeit sich dem Thema Inklusion in Innsbruck zu nähern, war die „Barrierefreiheits-Tour“ mit Volker Schönwiese und Anton Klotz. Volker nutzt einen elektrischen Rollstuhl und Anton ist blind, weshalb die beiden vorhandenen
Barrieren selbst erfahren und sich dagegen aktiv einsetzen. Beim Rundgang durch die Innenstadt zeigten uns die beiden viele Probleme und Hindernisse, aber auch Vorzeigelösungen, für die oft lange gekämpft wurde. Insbesondere die Stufen vor den Eingängen von Geschäften, Lokalen oder Wohnhäusern stellen für Menschen im Rollstuhl eine nicht passierbare Barriere da. In vielen Fällen sind diese Stufen jedoch nutzlos und könnten sehr einfach behindertengerecht umgestaltet werden. Folglich ist die Wohnungssuche für Menschen im Rollstuhl in Innsbruck sehr schwierig, da die Zahl an behindertengerechten Gebäuden sehr
begrenzt ist. Als Ausrede diesbezüglich wird häufig auf den Denkmalschutz der alten Gebäude verwiesen. Die Gebäude können nicht umgebaut oder verändert werden, weil sie alt und denkmalgeschützt seien. Volkers Erfahrung zeigt, dass dies oft nicht so eindeutig ist und angeblich denkmalgeschützte Gebäude plötzlich abgerissen und neu gebaut werden. Dabei schließen sich Denkmalschutz und Barrierefreiheit gar nicht aus. Die Problematik wird dadurch verstärkt, dass durch die vielen Regelungen vom Land (Baugesetze und Verordnungen), vom Bund (Gewerbeordnung) und der Gemeinde (Baubehörden) die Zuständigkeiten
sehr unübersichtlich sind. Die Frage, wer tatsächlich verantwortlich ist, lässt sich also oft nur schwer beantworten, Volker beschreibt das als „Lücke im Gesetz“. Doch es gibt auch Punkte, in denen die Stadt gute Arbeit geleistet hat. Fast alle Ampelanlagen in der Stadt haben einen gelben Kasten an den Fußgängerübergängen. Durch akustische Signale oder Vibrieren weiß Anton, ob die Ampel grün ist und er so die Straße sicher überqueren kann. Ein weiteres Phänomen, das uns
auf unserem Rundgang begegnet ist, ist jenes der „Positiven Diskriminierung“. Menschen mit Behinderungen werden im Gegensatz zu nicht-behinderten Personen beispielsweise gegrüßt, jedoch nur aufgrund ihrer sichtbaren Einschränkungen.
Dies zeugt nicht von einem gleichgestellten Umgang von Menschen mit und ohne Behinderungen.
 
Herausforderung Bahnhof
Zudem haben wir uns gemeinsam angeschaut, wie behindertengerecht der Innsbrucker Hauptbahnhof gestaltet ist. Anton zeigte uns, wie er sich mit seinem Blindenstock und den Linien am Boden fortbewegt. Dieses Kontrollsystem besteht immer aus einer Hauptlinie, von der dann Linien zu Kreuzungen oder wichtigen Eingängen abzweigen. Doch trotz dieser Linien stellt es für Anton eine große Herausforderung dar, sich am Bahnhof allein zu bewegen. Eine mögliche Unterstützung für Menschen mit Sehbehinderungen wären Infosysteme, welche die Abfahrt der öffentlichen Verkehrsmittel akustisch ansagen. Als Alternative
dazu geben die Busfahrerinnen und Busfahrer beim Öffnen der Türen Bescheid. Dies funktioniert zumindest in Innsbruck recht gut, da in den letzten Jahren verstärkt eine Sensibilisierung zu behindertengerechten öffentlichen Transport stattgefunden hat.
 
Nicht praxistauglich
Besonders interessant war die Evaluierung eines Bankomaten im Bahnhof. Anton erzählt uns, dass viele Automaten gar nicht zugänglich für blinde Menschen sind, einige haben zwar Braille-Schrift, zum Beispiel beim Kartenschlitz, aber nicht für die restlichen Funktionen, weshalb Anton sie trotzdem nicht allein bedienen kann. Dies ist ein starker Hinweis dafür, dass sich die Geldinstitute zwar Gedanken machen, jedoch bei der Umsetzung keine betroffenen Menschen mit (Seh-) Behinderung miteinbeziehen.
 
Weitere Begegnungen
Die Barrierefreiheits-Tour war für alle Teilnehmenden sehr aufschlussreich, bei unseren anschließenden Programmpunkten wurden neue Entdeckungen zu Barrierefreiheit stets ausgetauscht und besprochen. Wir lernten auch noch weitere Aspekte rund um das Thema Inklusion kennen. Im Rahmen vom Workshop im Jugendzentrum Space (organisiert von der youngCaritas) stellten Jugendliche ihren Jugendbeirat vor. Dieser wurde vom Tiroler Monitoring-Ausschuss ins Leben gerufen. Dieser Ausschuss fungiert als Kontrollorgan und überprüft, ob und wie das Land Tirol die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzt. Um die Frage, was junge Menschen mit Behinderungen in Tirol für ihre Zukunft wollen und brauchen, vermehrt in den Fokus zu rücken, wurde 2017 schließlich die erste Jugendgruppe gegründet, 2019 folgte die Gründung des Jugendbeirates. Darüber hinaus wurde uns auch sehr eindrücklich die persönliche Assistenz für Menschen mit Behinderungen geschildert. Im Anschluss an den Workshop im Jugendzentrum SPACE machte sich die Gruppe auf zum Haus 41. Dort erwartete sie die DanceAbility
Trainerin Christine Riegler. Der Grundgedanke von DanceAbility lautet „wer atmen kann, kann tanzen“, unabhängig von Behinderung, dem Alter oder der bisherigen Tanzerfahrung. Das Tanzen zu verschiedenen Musikstücken und das Ausprobieren
neuer Bewegungsabläufe und Übungen bereitete allen große Freude!
 
Magdalena Lohfeyer (Fotos: Caritas, Privat)